Die Zwei (2004)

für Flöte und Klavier mit Zuspiel und Video

entstand im Auftrag des Berliner Kultur-Senats

Vor der Komposition von Die Zwei habe ich wirklich lange darüber nachgedacht, wie man das, was Gerhard Richter mit den Fotos macht (Unschärfe und Übermalen), auf das Musik-Machen übertragen kann und ob das, was da passiert in diesen Bildern auch mit Musik passieren kann.
Natürlich ohne Ergebnis, wegen des doch gravierenden Unterschieds zwischen Zeit und Fläche. In der Musik gibt es im Gegensatz zur bildenden Kunst nichts der Fotographie vergleichbares und verkomponierte Bilder bzw. gemalte Musik fand ich immer schon problematisch.
In der Neuen Musik hat es übrigens meines Wissens so etwas wie Pop- Art nie gegeben. Zum Glück werden diejenigen denken, die sie nicht mögen und vielleicht auch diejenigen, die sie mögen.
Pop- Musik gibt es natürlich schon seit einigen Jahrzehnten und wenn man Haydn mit einbezieht noch etwas länger. Aber ist Pop-Musik dasselbe wie Pop-Art? Nach meinem Verständnis eigentlich nicht. Auf der anderen Seite ist das Auftauchen von Pop tatsächlich schon ein halbes Jahrhundert her und wie gesagt: zu Beginn der Wiener Klassik gab es auch schon ähnliche Tendenzen.
Nach der Lektüre einer kürzlich erschienen Richter-Biographie wurde mir erst klar, wie sehr Richter in der Pop-Art wurzelt.
Nach Jahren der Arbeit mit pop-artigen Versatzstücken und der ge-remix-ten und verborgen zitierenden Verarbeitung anderer Musik, musste ich nur einen Schritt weiter gehen: etwa ein Werk von Beethoven nachmalen, so dass es hinter Musik-Schichten unscharf wird, aber noch durchscheint.
Ich meine tatsächliches Abmalen. Punkt für Punkt wird alles mit anderen musikalischen Materialien nachvollzogen. So dass am Schluss nur der Beethoven selbst bleibt aber nicht das, was er bedeutet. Die Vorlage wird nicht angetastet und ist trotzdem völlig zerstört. Dann bedeutet Beethoven nicht mehr das Gewohnte und es entsteht ein merkwürdiges Vakuum der Ent- bzw. Verfremdung. In Die Zwei wird Beethovens Quartettsatz selbst nicht in ein anderes Licht gerückt oder neu erlebbar gemacht, die
Harmonie, die Melodie und die Form sind da, völlig unangetastet aber das Vertraute ist weg. Das kann etwas Unheimliches haben. Etwas, das ganz anders berührt als das Ursprüngliche, auch unangenehm. Vielleicht mit dem Erleben von Richters Bildern vergleichbar.
Eine instrumentierende Bearbeitung ist möglicherweise so etwas wie Pop-Art in der Musik - möchte aber in der Regel nicht wirklich entfremden. Weiter gefasst ist jegliche Interpretation eines Musikstücks - Pop-Art.
Ich könnte also sagen: in "Die Zwei" spiele ich Beethoven, aber nicht mit Beethoven herum.