open source (2008)

für drei Streicher und Soloflöte mit Zuspiel und Video

Musik und Video: Michael Beil
Dramaturgie und Video: Thierry Bruehl

Im eigentlichen Sinn bezieht sich der Ausdruck „open source“ auf Software, deren Quelltext frei verfügbar ist und beliebig verändert und verbreitet werden kann. Heute spiegelt sich diese Idee aber auch in Plattformen der Informations- und Wissensvermittlung, wie Wikipedia oder Internetforen wieder. Im auf das Komponieren übertragenen Sinn steht der Name des Stücks für eine entsprechende Strategie des Komponierens.

Das musikalische Material von „open source“ wurde vollständig einer anderen in diesem Fall sehr bekannten Komposition entnommen und in engem Zusammenhang mit der Struktur der Vorlage und ihren auch über das Werk hinaus reichenden Bedeutungen neu angeordnet. Dadurch trat bei der Komposition von „open source“ die Erfindung eigener musikalischer Materialien ganz in den Hintergrund und im Mittelpunkt stehen allein die Bedeutungen der schon vertrauten Klänge und ihre neue Vernetzung in der Musik, geöffnet und verfügbar für den Zuhörer.

Besonders bei berühmten und weit verbreiteten Werken, die – wie im vorliegenden Fall – sehr ziel- und in gewissem Sinn auch zweckgerichtet komponiert wurden steht für eine solche Art der Komposition nicht nur der Notentext der Vorlage und eine Interpretationsgeschichte zur Verfügung, sondern auch eine große Zahl an Adaptionen. Allein auf „You Tube“ finden sich in knapp Hundert Treffern über zwanzig Interpretationen und ebenso viele Instrumentierungen, Übertragungen in andere Musikstile und Hobby-Visualisierungen. Im Itunes-Musicstore ist die Versions- und Interpretationsliste noch länger.

Neben diesem weiteren Aspekt der Verfügbarkeit spielt bei der Umsetzung der Komposition auch die Tatsache eine Rolle, dass sich durch die Verwendung einer sehr bekannten Vorlage eine starke Spannung zwischen den vermeintlich eindeutigen musikalischen Bedeutungen und Wirkungen in der Vorlage und dem neuen Kontext in „open source“ ergeben kann.

In dieser Hinsicht ist das Stück auch als Statement zum Akt des „Verwendens“ beim Komponieren zu verstehen. Denn wenn man bedenkt, dass in Kunstrichtungen wie der Popart, der dekonstruktivistisch orientierten Architektur und Literatur und auch in entsprechenden Bereichen in der Popmusik über Remixes und Coverversionen das offene „Verwenden“ als Art des Umgangs mit dem Verfügbaren in den letzten Jahren fast selbstverständlich geworden ist, kann es verwundern, wenn diese Entwicklungen in der Neuen Musik kaum Spuren hinterlassen haben. Auf dieses Phänomen reagiert „open source“ und stellt das „Recycling“ als Konsequenz aus den allgemeinen Tendenzen in der Kunstproduktion und als Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit in den Vordergrund.

 

Programmhefttext zur Uraufführung

Es mag durchaus sein, dass auch dieses Stück eines fernen Tages im Sinne des Open-Source-Gedankens von einem anderen Komponisten remixed wird. Sicher ist jedoch, dass open source bereits eine solche Anverwandlung fremden Gedankenguts darstellt. Die alternative Software-Bewegung, die die Quelltexte ihrer Programme nicht nur offen legt, sondern auch zur Veränderung einlädt, stand hier Pate für eine entsprechende Strategie des Komponierens. In dieser komponierten Lektüre fügt Michael Beil einer weit verbreiteten Komposition nichts hinzu, was ihr nicht schon andere hinzugefügt hätten. Das vorgefundene Material wurde lediglich „in engem Zusammenhang mit der Struktur der Vorlage und ihren auch über das Werk hinaus reichenden Bedeutungen neu angeordnet. Allein auf „You Tube“ finden sich in knapp hundert Treffern über zwanzig Interpretationen und ebenso viele Instrumentierungen, Übertragungen in andere Musikstile und Hobby-Visualisierungen.“ Dabei ist die Bekanntheit der Quelle absolute Voraussetzung für das Verständnis ihrer Dekomposition und Wiederauferstehung. Zugleich rührt Beil mit der Aneignung geistigen Eigentums an der Problematik des Urheberrechts. open source mag man als komponierten Kommentar zur aktuellen juristischen Samplingdebatte hören oder alternativ als Recycling historischen Allgemeinguts. Es zieht die Behauptung des in sich geschlossenen, originellen Werks in Zweifel und betrachtet menschliche Schöpfungen weder als voraussetzungs-, noch als folgenlose Produkte. Und letztendlich inszeniert Michael Beil open source als ein selbstreflexives Konzert, das im Verharren und Heraustreten aus der Konzertsituation die Züge eines kleinen Musiktheaters annimmt.
Martina Seeber, Dezember 2008